St. Galler Tagblatt: Sparen in der Kirche

Sparen in der Kirche
Die Vorsteherschaft der evangelischen Kirchgemeinde informiertWattwil. An der Kirchgemeindeversammlung vom 30. März wurden verschiedene Voten für einen ausgeglichenen Haushalt deponiert. Die Vorsteherschaft hat die Rechnung der Kirchgemeinde auf Sparmöglichkeiten und die gesetzlichen Vorlagen überprüft.
Mit einzelnen Gegenstimmen haben die Mitglieder der evangelischen Kirchgemeinde Wattwil an der Kirchgemeindeversammlung vom 30. März dem Budget zugestimmt. Dieses schliesst, bei einem Steuerfuss von 28 Prozent, mit einem Verlust von rund 440 000 Franken ab. Das Defizit wird vollumfänglich von der Kantonalkirche übernommen. Im Gegenzug ist die Kirchgemeinde verpflichtet, gewisse Rahmenbedingungen des kirchlichen Finanzausgleichsreglements einzuhalten.
Das sind einerseits die Höhe des Steuerfusses und andererseits eine Limitierung des Personalaufwandes in der Pastoration.
Anpassung Steuerfuss
Der Steuerfuss in Ausgleichsgemeinden hängt stark vom Steuerfuss der Politischen Gemeinde ab. Da die Gemeinde den Steuerfuss von 162 auf 160 Prozent gesenkt hat, muss die Kirchgemeinde gleichzeitig ihren Steuerfuss von 28 auf 30 Prozent erhöhen. Eine weitere Senkung des Gemeindesteuerfusses hat keine weiteren Konsequenzen für den Kirchgemeindesteuerfuss, da der Maximalsatz erreicht ist.Beschränkter Personalaufwand
Nebst der Abhängigkeit beim Steuerfuss ist bei Ausgleichsgemeinden auch der Personalaufwand limitiert. Dieser hängt von verschiedenen Kriterien ab, wird in Stellenprozenten aber mit einer 100 Prozent Pfarrstelle berechnet. Unter anderem wirkt sich die Mitgliederzahl der Kirchgemeinde sowie die Erteilung von Religionsunterricht auf den Personalaufwand aus. Infolge der Pensionierung der sozialdiakonischen Mitarbeiterin Verena Roth muss die Kirchgemeinde auf das Jahr 2009 hin ihren Stellenplan überprüfen.Hohe Fixkosten
Die Mittelvergabe der Kirchgemeinde, mit einem Gesamtaufwand von rund 1,8 Mio. Franken, kann nur in bescheidenem Rahmen frei gestaltet werden. In den wichtigen Positionen sind übergeordnete Vorgaben einzuhalten. Beim Personalaufwand sind die Lohnkosten vorgegeben, einzig im Stellenplan würden sich Sparmöglichkeiten ergeben. Die Vorsteherschaft ist jedoch der Ansicht, dass die Kirchgemeinde personell nicht überdotiert ist. Kirchliche Veranstaltungen, wie Jugend-, Alters-, Frauen- und Seniorenarbeit sowie ökumenische Projekte, belasten die Rechnung mit nicht einmal 50 000 Franken, was 2,8 Prozent des Budgets entspricht.Bereich Liegenschaften
In den vergangenen Jahren und auch zukünftig wird der Bereich Liegenschaften einer der grösseren Ausgabenposten sein. Aufgrund der Bestimmungen des Finanzausgleichs wurde in der Vergangenheit nur das Notwendigste gemacht. Die meisten Sanierungen werden 2009 abgeschlossen sein. Lediglich beim Pfarrhaus Kirchenrain steht noch eine umfassende Aussenrenovation bevor.Sparmöglichkeiten
Im Budget 2008 sind rund 200 000 Franken ausserordentliche Aufwendungen im Bereich Liegenschaften enthalten. Ohne diese einmaligen Aufwendungen würde das Defizit noch 240 000 Franken betragen. Mit Einschränkungen in verschiedenen Bereichen und Programmen könnten ca. 40 000 Franken eingespart werden. Der Verlust würde dann bei 28 Steuerprozenten nur rund 200 000 Franken betragen. Bei 30 Steuerprozenten ergäbe sich ein Verlust von rund 110 000 Franken.Abhängig vom Finanzausgleich
Aufgrund dieser Konstellation bleibt eine Abhängigkeit vom Finanzausgleich bestehen. Um längerfristig eine ausgeglichene Rechnung ohne Mittel aus dem Finanzausgleich zu erhalten, müsste der Steuerfuss nochmals auf 33 Prozent angehoben werden. Eine andere Möglichkeit wäre eine drastische Personalreduktion. Bei einem Steuerfuss von 30 Prozent müssten entweder die Pfarrstellen von 200 auf 125 Stellenprozente reduziert werden, oder die Stelle der sozialdiakonischen Mitarbeiterin gestrichen und eine Pfarrstelle um 33 Stellenprozente reduziert werden. Eine Senkung des Steuerfusses um ein Prozent würde zu einer Reduktion von 33 Stellenprozenten bei den Pfarrstellen führen. Bei einem Steuerfuss von 28 Prozent wäre somit nur noch eine einzige Pfarrstelle finanzierbar.Zusammenarbeit
Die Vorsteherschaft ist sich bewusst, dass in Zukunft der finanzielle Spielraum enger werden dürfte, während die Aufgaben umfangreicher und komplexer werden, erklärt Esther Bruderer, Präsidentin der Kirchenvorsteherschaft. Es wurde deshalb bereits Kontakt mit den Nachbargemeinden Krinau und Lichtensteig aufgenommen. Gespräche auf präsidialer Ebene haben bereits stattgefunden. Nach den Sommerferien wollen sich die Vorsteherschaften zu einem informellen Gedankenaustausch treffen. Obwohl Fusionen nicht das Heilmittel sind, werden die Kirchgemeinden nicht darum herum kommen, ihre Strukturen auch auf Führungsebene den Gegebenheiten anzupassen.Motion der SVP
Der kirchliche Finanzausgleich wird durch Gelder des Kantons finanziert. Eine Motion der SVP im Kantonsrat zielt darauf ab, diese Gelder zu streichen. Sollte dieser Fall eintreffen, wären praktisch alle Kirchgemeinden im Toggenburg und Neckertal in ihrer Existenz gefährdet. Rund 70 Prozent der von der Kantonalkirche an die Kirchgemeinden ausbezahlten Beiträge, rund 3,7 Mio. Franken, gehen an Kirchgemeinden im Neckertal und Toggenburg. (hs)
